Immer nur Jammern bringt mich da nicht raus. Wir wollen nicht so leben, dass uns die Umgebung erdrückt, mit den vielen Sachen, von denen man sich nicht trennen kann, die man nur von einem Raum in den anderen trägt, ohne wirklich Platz dafür zu haben.

Eine Möglichkeit ist, über Verhaltenstherapie an die Ursachen und Möglichkeiten heranzukommen, die sich uns bieten, Wege aus dem Chaos zu finden. Es gibt auch einschlägige Literatur wie beispielsweise "ohne Chaos geht es auch" von Sandra Felton. Die einzelnen Messietypen werden beschrieben (es gibt ca. 5 verschiedene Typen: der reinliche Messie, der perfektionistische Messie, der rebellische Messie, der sentimentale Messie und den 5. habe ich vergessen, wahrscheinlich eine Mischung aus 2 oder 3 verschiedenen Typen). Es gibt dort auch einen Test mit vielen ´Fragen, über den man herausfindet, welcher Typ man ist.

Dann gibt es das Buch "simplify your life" von Werner Tiki Küstenmacher, so ein gelbes Buch, im Buchhandel bei den Ratgebern leicht zu finden. Dort sind Tipps drin wie beispielsweise eine Hakenleiste für Besen, Schuhbürste usw., damit die Sachen nicht herum stehen.

Über die Gemeinde, die Stadtverwaltung und den sozialpsychiatrischen Dienst kann man sich Hilfe suchen, z. B. einen Sozialarbeiter zu sich nach Hause bitten, der einem dabei hilft, nicht nur Ordnung zu schaffen, sondern auch sieht, was getan werden muss. Das ist nicht für jeden selbstverständlich, zu sehen: Heute muss ich hier mal saugen, oder: Das Fenster muss dringend geputzt werden. Oft müssen einen andere darauf hinweisen, weil man im eigenen Heim keinen Blick dafür hat.

Auch kann es ein Gewinn sein, die eigene Psyche zu verstehen. Ein Beispiel:

Anneliese F. sammelt Zeitschriften. Sie stapeln sich inzwischen bis an die Decke. Der Psychologe P. fragt sie: "Warum sammeln Sie so viele Zeitschriften?" Frau F. antwortet: "Weil ich bisher nicht dazu gekommen bin, sie durchzusehen, da stehen aber immer wichtige interessante Rezepte und Haushaltstipps drin." P. sagt daraufhin: "Wenn Sie bisher nicht dazu kamen, was macht Sie so sicher, dass Sie später dazu kommen? Ich sehe nur einen riesigen Papierstapel, ich sehe den Wert nicht, den Sie darin sehen. Im Gegenteil birgt so viel Papier eine Gefahr, z. B. wenn es brennt."

Wie reagiert Anneliese F. darauf? Richtig, sie verschränkt trotzig die Arme und sagt: "Das ist es, was ich habe, ich klebe die Rezepte in meine Mappe, und dann werfe ich die Zeitschriften weg."

P. stellt eine ganz entscheidende Frage: "Haben Sie viel verpasst in Ihrem Leben? Gibt es Dinge, die an Ihnen vorüber ziehen, die Sie erst im Nachhinein registriert haben, als es zu spät war?"

Anneliese ist den Tränen nah, als sie antwortet: "Mein Sohn hat mir mein Enkelkind nur einmal gezeigt, im Krankenhaus. Und meine Schwiegertochter tut alles, um mich nicht mit Ulrike spielen zu lassen!"

P. versteht, warum Frau F. unbedingt die Zeitschriften behalten möchte, so lange sie nicht sicher sein kann, dass auch wirklich nichts Wichtiges mehr darin steht. Das ist ihre Art, Verluste aufzuarbeiten, wie sie ihr schlechtes Verhältnis zu ihrer Familie kompensiert. Sie denkt an ihr Enkelkind und sieht dann den riesigen Stapel Zeitschriften, der sie darüber hinweg trösten soll: Papier ist schließlich geduldig, wenn sie nicht sofort hinein sieht, verpasst sie nicht die ersten Schritte des neuen kleinen Mitbürgers.

P. stellt nun noch eine wichtige Frage: "Wenn Sie wissen, dass Sie die wichtigsten Tipps und Rezepte schon eingeklebt haben, und dass sich Dinge wie Rezepte und Tipps rund um den Haushalt nicht mehr ändern oder verbessern, bzw. nur selten verbessern, könnte das Ihre Sammelwut bremsen? Wenn dieser Stapel nicht mehr da ist, um Sie zu erinnern: Da gibt es noch Wichtiges zu entdecken, und Sie fahren einfach mal zu Ihrem Sohn, bringen ein Stück Kuchen mit und für den Enkel ein Spielzeugauto, würde es Ihnen damit seelisch besser gehen, als hier neben dem Zeitungsstapel zu sitzen und Anzeigen heraus zu trennen?"

Es ist im Grunde eine ganz einfache Lösung: Anneliese muss die 4 Wände verlassen, den Zeitungsstapel abtragen und in Container schmeißen, und sich mehr unter Leute wagen. Aber für jemanden, der jahrzehntelang gesammelt hat und traurig ist, wird es nicht so leicht eine Wende geben. P. hat ihr lediglich aufgezeigt, welche Möglichkeiten sie hat, und dass ihr Sammeln sie nicht wirklich ausfüllt, da es nicht einfach nur ein Hobby ist, sondern Messiestrukturen angenommen hat.

Anhand dieses Beispiels wollte ich klar machen, dass es für uns alle das Elementare ist, zu wissen: Was sammle ich und warum sammle ich das? Was will ich damit kompensieren?

Bei mir ist das auch das fehlende Selbstvertrauen, die Unfähigkeit als Kind, sagen zu können: "Nein! Lasst mich in Ruhe!" und der fehlende Respekt der Eltern, mich in meinem Zimmer allein zu lassen, mir einen Rückzugsort zu ermöglichen. Das hat sich ins Erwachsenenalter fortgesetzt, ich scheine zu behaupten: "Das Chaos ist mein Rausschmeißer".

Wie komme ich an die Ursachen heran, wie lasse ich mein Chaos zu mir sprechen? 

Zum Thema: Was kann ich tun, ist eine Möglichkeit: Den Wecker 2 Stunden früher klingeln lassen und sich vornehmen, in diesen 2 Stunden so viel wie möglich zu tun, z. B. Müll runter zu bringen, Altglas in den Korb und diesen ins Auto zu tun, das Bad sauber zu machen, abzuwaschen, oder auch Staub zu saugen (wenn es nicht allzu früh ist). Oder abends den Feierabend auf eine gewisse Zeit zu verschieben, nach dem alten Motto: "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen" und sich zu freuen über den geputzten Tisch oder das freie Sofa, auf dem man das Fernsehprogramm genießen kann.

Ich bevorzuge die erste Variante und habe auch festgestellt, dass ich in den 2 Stunden nicht viel schaffe, z. B. nur einen Karton für den Container zersäbelte und ein bisschen Styropor entsorgte, oder nur den Wohnzimmertisch frei bekam und diese Freiheit hielt nur, bis mein Mann nach Hause kam. Trotzdem ist es immer ein kleiner Triumph, und man muss dran bleiben: Nur steter Tropfen höhlt den Stein.